Haus der Mutter Maria in Ephesos

Das Haus der Mutter Maria (türkisch Meryemana evi) nahe der antiken Stadt Ephesos ist ein restauriertes byzantinisches Kirchen- oder Klostergebäude, das von Pilgern als zeitweiliger Wohnort und mögliches Sterbehaus Marias, der Mutter Jesu, betrachtet wird.

Name, Lage, Bestand

Das seit den 1890er Jahren zunächst unter dem Namen Panaghia-Capouli (wörtlich „Tore der Allerheiligsten“ – d. h. svw. „Haus der Heiligen Jungfrau“,[1] griechisch Παναγία-Καπούλη, türkisch Panayia Kapılı, deutsch auch Panagia Kapuli)[2] bekannt gewordene Marienheiligtum liegt etwa 7 km südwestlich der modernen Stadt Selçuk in 380 m Höhe auf dem Westabhang des Ala Dağı, einem in der Antike Solmissos genannten Berg südlich des Nachtigallenbergs (Bülbül Dağı), einige Kilometer außerhalb der lysimachischen Stadtmauer.[3][4] Es wurde auch Monastiri üç Kapu („Kloster zu den drei Toren“) genannt.[5] Unterhalb des Hauses entspringt eine Quelle. Im Hain weiter unterhalb der Anlage befindet sich außerdem ein rechteckiger, von Säulenarkaden begrenzter Platz („Atrium“) mit einem 1964 entdeckten mittelalterlichen Wasserreservoir,[6] das von seiner Form her an ein übergroßes Ganzkörpertaufbecken erinnert und manchmal als Hinweis auf eine frühchristliche Benutzung der Ortslage als Taufplatz aufgefasst wurde. Das Gelände ist parkähnlich gestaltet und bietet einen „herrlichen Ausblick“ (Scherrer) bis auf das knapp 6 km entfernte Ägäische Meer.

Geschichte

Die heutige Wallfahrtsstätte geht zurück auf die Schriften von Clemens Brentano über angebliche Visionen der Anna Katharina Emmerick, die die letzte Wohnstätte und das Grab der Mutter Jesu detailliert beschrieben haben soll. Brentanos 1852 posthum veröffentlichte Erzählung Das Leben der hl. Jungfrau Maria verarbeitet in den Passagen über den Tod Mariens in Ephesos (ab Seite 404) Angaben Emmericks, die ihm zum größten Teil 1821 mitgeteilt wurden. Hier wird erzählt, der Apostel Johannes sei mit Maria nach Ephesos gezogen und habe mit ihr ein Haus bewohnt, von dem aus man auf das Meer sehe. Hier sei Maria auch begraben worden und man werde das Grab eines Tages finden.[7]

Die Verbreitung der von Edmond de Cazalès (1804–1876) veröffentlichten französischen Übersetzungen der Brentano-Schriften über Anna Katharina Emmerick weckte seit den 1870er Jahren bei einigen französischen Geistlichen, die von der Zuverlässigkeit der Beschreibungen überzeugt waren, den Wunsch, das Sterbehaus der heiligen Maria in Ephesos zu lokalisieren. Als Erster bereiste der stellungslose Pariser Priester Julien Gouyet († 1899) das Gebiet und fand das spätere Marienhaus nach eigenen Berichten bereits am 18. Oktober 1881. Seine Angaben wurden aber von den kirchlichen Stellen nicht ernstgenommen und die Expedition geriet in Vergessenheit. Zehn Jahre später, im August 1891, entsandte unabhängig davon der Superior der Lazaristen in Smyrna, Eugène Poulin (1843–1928), eine fünfköpfige Kommission mit zwei Begleitern auf den Berg nahe Ephesos. Zwei Mitbrüder, der Elsässer Henri Jung (184?–1929) und der spätere Madagaskar-Missionar Benjamin Vervault (1843–1912),[8] beides ehemalige Soldaten, hatten dort zwei Wochen zuvor mit Hilfe einheimischer Führer (die möglicherweise bereits Gouyet begleitet hatten) eine Hausruine gefunden, die nach Poulins und Jungs Ansicht der Beschreibung aus den visionären Aufzeichnungen entsprach. Die Initiative für die Suche war diesmal von der französischen Adligen und Vinzentinerin Adele Marie de Mandat-Grancey (1837–1915) ausgegangen, die zu jener Zeit als Oberin am französischen Marinekrankenhaus in Smyrna tätig war und ihren Beichtvater Jung nach Lektüre der Emmerick-Gesichte zu der Expedition gedrängt hatte. Nach Verhandlungen mit der türkischen Regierung kaufte sie das Gelände im November 1892 mit dem von ihrer Familie ererbten Vermögen auf und ließ das Haus von Lazaristenpatres und einheimischen Mitarbeitern des Ordens unter Leitung von Pater Jung wiederherrichten.

Seit 1896 wurden jährliche Wallfahrten zum Haus der Mutter Maria organisiert.[9] In den darauf folgenden Jahren fanden umfangreiche Aufräum-, Restaurierungs- und Ausgrabungsarbeiten an dem Haus und in der Umgebung statt, wo man vor allen Dingen das Grab der Jungfrau Maria aufzufinden versuchte. Dabei wurden in der Nähe des rechteckigen Vorplatzes westlich der Kirche mehrere Grablegen aus byzantinischer Zeit entdeckt. Auch der Wald oberhalb der Anlage wurde mit Unterstützung einheimischer Helfer nach Spuren eines dort aufgrund der Angaben Emmericks vermuteten Kreuzwegs abgesucht. Zwischen 1898 und 1902 wurde der vorläufige Wiederaufbau der baufälligen Kirche abgeschlossen, die ein provisorisches Schutzdach erhielt. 1903 entstand auf dem Vorplatz ein Wohnhaus für Gäste und einige Schwestern. Bis zu ihrem Tod hielt sich die Stifterin oft auf dem Gelände auf, kümmerte sich um die Gestaltung, Bewirtschaftung und Bepflanzung der Anlage, widmete sich dem Gebet und hieß Besucher und Pilger willkommen.[10]

1910 überschrieb die Gründerin das Grundstück an den Lazaristenoberen Pater Poulin. Im Ersten Weltkrieg wurde die Gegend zum militärischen Sperrgebiet erklärt und der verlassene Besitz 1917 von den türkischen Behörden konfisziert. Als die Lazaristen 1920 während des Griechisch-Türkischen Krieges nach Ephesos zurückkehrten, fanden sie das Gelände in einem verwilderten und demolierten Zustand vor. Ab 1926 konnte der religiöse Betrieb in beschränktem Umfang wieder aufgenommen werden, kam jedoch nach 1936 erneut zum Erliegen. Erst 1947 wurden die Besitzverhältnisse vom türkischen Staat endgültig anerkannt. Ab 1949 wurden die jährlichen Wallfahrten wieder regelmäßig veranstaltet; nach 1950 baute die türkische Tourismusbehörde eine asphaltierte Zufahrtsstraße zu dem Heiligtum. Gleichzeitig wurde das Marienhaus selbst erneuert. 1952 wurde das Eigentum einer Gruppe von Miteigentümern unter Führung des katholischen Ortsbischofs übertragen. Seit 1955 gehört das Heiligtum einer privaten Vereinigung aus den USA (The American Society of Ephesus), die der amerikanische Telekommunikationsunternehmer George B. Quatman (1890–1964) aus Cincinnati, Ohio, kurz zuvor als Stiftung zum Zweck der Unterhaltung des Marienhauses und anderer ephesinischer Gedenkstätten errichtet hatte.

Kirchliche Anerkennung

Eine im Auftrag des Erzbistums Smyrna durchgeführte Untersuchung kam im Dezember 1892 zu dem Ergebnis, die Annahme, wonach die Gottesmutter Maria in dem Haus verstorben sein könnte, sei wissenschaftlich und theologisch vertretbar.[30] In den darauf folgenden Jahren entwickelte sich unter Theologen und Wissenschaftlern eine z. T. sehr leidenschaftlich geführte Kontroverse um die Zulässigkeit dieser Hypothese, in deren Verlauf Eugène Poulin und nach dessen Tod andere vinzentinische Autoren wie Joseph Euzet (1873–1961) die Richtigkeit der Annahmen vehement verteidigten.[31]

1895 ließ sich Papst Leo XIII. über die Entdeckung berichten und verbot im Jahr darauf den bis dahin mit dem Besuch des konkurrierenden, traditionellen Mariengrabs in Jerusalem verbundenen Plenarablass für alle Zeiten.[32] 1903, im Jahr seines Todes, plante er noch die Entsendung einer päpstlichen Kommission in die Türkei zur Untersuchung der Fundstätte.

Sein Nachfolger, Pius X., empfing 1912 die Gründerin des Heiligtums und erkundigte sich, ob das Grab Mariens mittlerweile gefunden worden sei. Obwohl dies nicht der Fall war, gewährte er einer Gruppe von Besuchern der Pilgerstätte 1914 einen vollständigen Ablass von Sündenstrafen. Im Februar 1921 fand im Lateran mit Beteiligung zahlreicher Kurienvertreter eine Tagung des Päpstlichen Römischen Priesterseminars über die Frage der Zulässigkeit von Wallfahrten zum „Haus Mariens“ statt. Im Ergebnis der Fachdiskussionen prägte der österreichische Kapuziner und Bibelgelehrte Michael Hetzenauer (1860–1928) die offiziell bis heute bevorzugte Sprachregelung, wonach die Annahme eines zeitweiligen Aufenthalts Marias in Ephesos auch unabhängig von der Beantwortung der Frage, wo die Heilige verstorben ist, möglich sei.[33]

Schließlich erklärte Papst Pius XII. Mariens Haus im August 1951 zum katholischen Wallfahrtsort (Sanctuarium, „Heiligtum“). Bei der Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel im Jahr zuvor hatte der Papst darauf verzichtet, den Ort des Todes und der Himmelfahrt der Gottesmutter näher zu bestimmen.

Papst Johannes XXIII., der in den 1930er Jahren als apostolischer Delegat in der Türkei tätig gewesen war und die Kultstätte anlässlich der 1500-Jahrfeier des Konzils von Ephesus 1931 selbst besucht haben soll,[34] sandte 1960 zum Fest der Darstellung des Herrn eine spezielle Kerze zu dem Haus. Solche Kerzen werden nur bedeutenden Marienwallfahrtsorten gestiftet. 1961 gewährte er katholischen Pilgern, die das Haus in gläubiger Absicht besuchen, für alle Zeiten einen Plenarablass.

Papst Paul VI. besuchte das Haus am 26. Juli 1967 und bekräftigte die Zulässigkeit der Verehrung. Papst Johannes Paul II. besuchte es am 30. November 1979, Papst Benedikt XVI. am 29. November 2006 (kurz nach seiner Regensburger Rede); alle drei Päpste feierten jeweils eine Messe an der Wallfahrtsstätte.[35] Jedes Jahr findet dort zu Mariä Himmelfahrt am 15. August ein Festgottesdienst statt.